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Konzept des Promotionsprogramms

Das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderte Strukturierte Promotionsprogramm »Erinnerung – Wahrnehmung – Bedeutung« versteht sich als ein Modell von Forschung und Nachwuchsförderung mit internationaler Strahlkraft innerhalb eines kleinen geisteswissenschaftlichen Faches. Sein Modellcharakter besteht darin, die Historische Musikwissenschaft in ihrem Forschungspotential an niedersächsischen Hochschulen zu bündeln und alternativ zu an einzelnen Institutionen und Universitäten angesiedelten Promotionsprogrammen eine Kooperation von Professorinnen und Professoren Niedersachsens mit der gleichen Denomination zu realisieren.

Die fachimmanente Anlage des Projekts stellt sicher, dass die Identität des Fachs für die Zukunft gesichert und gestärkt wird. Gleichzeitig fördern die Zusammenarbeit verschiedener Forscherpersönlichkeiten, die unterschiedlichen institutionellen Vorgaben der vier Standorte und die vielfältigen trans- und interdisziplinären Zusammenarbeiten innerhalb und außerhalb des Projekts die Öffnung der Disziplin nach außen. In seiner musikwissenschaftlichen Ausrichtung versteht es sich darüber hinaus als sinnvolle Initiative für das Projekt »Musikland Niedersachsen«. Die im Rahmen dieses geplanten Promotionsprogramms geförderten DoktorandInnen profitieren von der intensiven Betreuung durch ein Team von vier ProfessorInnen, von denen eine/einer die/der jeweils hauptverantwortlich Betreuende bleibt, um die Vorteile einer intensiven persönlichen Betreuung zu wahren. Die Zusammenarbeit bewirkt landesweit eine Vereinheitlichung der Standards für die Promotion in der Musikwissenschaft und schließlich auch eine Erhöhung der Qualität der Abschlussarbeiten. Die Begrenzung auf ein Thema aus der Historischen Musikwissenschaft – das allerdings starke interdisziplinäre Bezüge aufweist – stellt sicher, dass alle Beteiligten des Projektes auf gleicher theoretischer Ebene kommunizieren können.

Inhaltlich zielt das Promotionsprogramm »Erinnerung – Wahrnehmung – Bedeutung« auf die Untersuchung der jeweiligen Konstituenten von Erinnerung, Wahrnehmung und Bedeutung in der Musik(wissenschaft). Das Thema ist bewusst so weit gefasst, um einer 2006 ausgesprochenen Empfehlung des Wissenschaftsrats zu folgen, durch derartige Themen vorhandene Interessen und Stärken vor Ort aufzugreifen und einen Rahmen für die Assoziation bzw. Integration unterschiedlicher individueller Forschungsideen anzubieten. Eine Einengung auf einen konkreten Gegenstandsbereich – etwa die Musik einer bestimmten Epoche – scheint dabei schon aus dem Grund nicht sinnvoll, da gerade der Vergleich von Konstituenten einen besonderen Erkenntnisgewinn verspricht. Indem sich diese Konstituenten als Teile eines Wissensarchivs – sie werden in die Musik »hineingedacht« – verstehen lassen, eröffnet ihre Befragung neue methodische Zugangswege zur Musik, bei denen Erinnerung, Wahrnehmung und Bedeutung nicht per se, sondern in ihrer diskursiven Konstruktion untersucht werden.

Musik erklingt und entsteht in Kontexten: Sie wird von Individuen wahrgenommen und erhält Bedeutung durch Erinnerungen, die sie in bekannte Kategorien einordnen. Sie wird in sozialen Zusammenhängen gemacht, aber auch beschrieben, interpretiert und bewertet. Alles, was eine Gesellschaft unter Musik versteht, basiert auf der Erinnerung vergangener Ereignisse, der Wahrnehmung gegenwärtiger Phänomene in einem Zusammenhang und schließlich der individuellen und sozialen bzw. kommunikativen Bedeutungszuschreibung, um mit modifizierten und neu erworbenen Kategorien zukünftige Eindrücke verstehen und kommunizieren zu können. Dementsprechend können einzelne Musikstücke nicht ahistorisch immer die gleiche Bedeutung für eine Gesellschaft oder ein Individuum haben. Musikgeschichte ist – wie jede Geschichte – die Beschreibung der Evolution von Erinnerung, Wahrnehmung und Bedeutung mit dem Ziel, die Bedingtheit der eigenen, gegenwärtigen Kontexte der Musik zu verstehen. Um ein Musikstück in seiner ganzen Tragweite für die Zeit seiner Entstehung oder für spätere Zeitpunkte begreifen zu können, muss das Augenmerk musikwissenschaftlicher Forschung auch auf Quellen der Erinnerung, Wahrnehmung und Bedeutungszuschreibung dieser Zeit zurückgreifen. Dabei geht es nicht nur um eine historische Rezeptionsästhetik, sondern um die Nachzeichnung des gesamten Kontextes des Stücks in den kulturellen, sozialen aber auch in den psychischen Systemen einer Zeit, sowie einer Reflexion des Erinnerungsmediums (»memorik-sensibler« Umgang mit Quellen). Auch wenn es in der Forschung inzwischen bedeutende Versuche diskursgeschichtlicher und rezeptionsästhetischer Ansätze gibt, fehlt nach wie vor eine breite Anwendung dieser Methode auf alle Epochen und vor allem auch eine intensive theoretische Auseinandersetzung.

Auch wenn Musikwissenschaft immer schon bei der Einordnung von Werken auf das geschaut hat, was vorher existierte, fehlt eine theoretische Fundierung auf Modellen der aktuellen Lern- und Gedächtnisforschung. Auch inhaltlich lassen sich viele offene Fragen finden: Lagen den Komponisten einer Zeit für ihre Arbeit Stücke vollständig akustisch und/oder optisch gespeicherte Vorbilder vor? Entwickelten sich durch die Form der Speicherung Versatzstücke, Formeln oder Schemata? Welche Rolle spielten und spielen die neuen Medien, die das Gedächtnis entlasten, aber auch seine Filterfunktionen ausschalten. Welche Rolle spielt die Erinnerung für das Selbstbild und die Selbstdarstellung eines Musikers?

Ein weiteres Bezugsfeld ist die (MusikerInnen-)Biographik, die heute als eine der wichtigsten Medien musikkultureller Erinnerung und Wahrnehmung fungiert, ohne dass die Musikwissenschaft diese Funktion und ihre breite Wirkungsmacht adäquat wahrnähme. Dabei hat sich die allgemeine Biographie-Forschung in den vergangenen zehn Jahren disziplinenweit zu einem eigenständigen und ins Zentrum kulturhistorischen Denkens hineinragendem Forschungszweig etabliert, allerdings in unterschiedlicher Intensität: Während Historik, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte hierbei als Vorreiter bezeichnet werden können, verhinderte das aus den Anfängen der universitären Musikwissenschaft stammende, in den 1970er-Jahren v.a. durch Carl Dahlhaus erneuerte und bis heute Wirkung zeigende Verdikt gegen Biographik eine moderne Biographik-Forschung. Hier sind, auch wenn einige wenige Forschungsarbeiten inzwischen vorliegen, weite Forschungsdesiderata zu verzeichnen, die in die Bereiche der (musik)kulturellen Erinnerung und der Kanonisierung von Werken und Namen hineinreichen. Dies ist auch als Schnittstelle zum projektierten Promotionsprogramm zu sehen: Fragen der kulturellen Erinnerung und der Kanonisierung spielen hier ebenso eine Rolle – wobei eine gender-orientierte Blickrichtung notwendig sein wird – wie auch die Frage nach der individuellen und kulturhistorischen Wahrnehmung von KomponistInnen und MusikerInnen. Das Instrumentarium, das die neuronale Erinnerungsforschung (u.a. Welzer), die memorik-sensible Historik (u.a. Fried, Oexle) sowie die interdisziplinäre Biographik-Forschung hierzu bereitstellt, ist innerhalb der Historischen Musikwissenschaft – etwa im Zusammenhang mit dem Umgang mit Quellen, mit künstlerischen Identitätskonzepten, mit Selbst- und Fremdwahrnehmungsmechanismen künstlerischen Handelns u.v.m. – erst in Ansätzen aufgegriffen worden. Dass sich hieraus gleichwohl musikhistoriographische und gegenwärtige musikkulturelle und kulturidentifikatorische Bedeutung speist, ist gleichwohl offenbar. Eine fundierte Reflexion dieser Metaebene innerhalb des Faches Historische Musikwissenschaft ist daher dringend geboten, auch um sich daran anschließend im Kanon der Interdisziplinarität adäquat positionieren zu können.

Selbst in der Gegenwart mit ihren modernen Medien und der individualisierten Rezeptionssituation einer »Kopfhörermusik« entsteht Musik in der Wahrnehmung immer in Zusammenhängen. Neben dem akustischen Sinn wirken immer auch die übrigen Sinne interpretierend und zuordnend auf die Verarbeitung von Musik ein. Um die Musik einer Zeit in ihrer Tragweite verstehen zu können, ist es daher wichtig, die Wahrnehmungskontexte von Musik zu beschreiben. Welche Rolle spielen die Diskurse der Zeit, welche die jeweils aktuellen Kommunikationssituationen? Wie hat die Erfindung neuer Medien die Wahrnehmung von Musik und Musikstücken in historischer Perspektive verändert?

Es gibt reichlich Anlass, auch die Fragestellung nach der Bedeutung von Musik zu bedenken, denn

  • theoretische Entwürfe zu einem »Bedeutungsarchiv« (z.B. Foucaults »Ordnung des Diskurses«), wie sie die Literaturwissenschaft seit etwa zwei Jahrzehnten mit wechselhaftem Erfolg erprobt, sind in der deutschsprachigen Historischen Musikwissenschaft noch nicht in angemessener Breite angekommen. Die mögliche Untauglichkeit der Entwürfe lässt sich durch Ignorieren aber nicht nachweisen;
  • während analytische Ansätze, die Diltheys historischer Hermeneutik verpflichtet sind, implizit bis in die Gegenwart hinein mehr oder weniger häufig den analytischen Umgang mit Musik bestimmen, sind andere in erster Linie auf den »Text« der Musik gerichtete Theorien wie etwa die Semiotik als zumindest begrenzt tauglich erkannt worden, ohne dass eine vertiefte methodische Diskussion stattgefunden hat. Erkennbar ist diese Spannung etwa auf dem Gebiet der Musik des 16.–18. Jahrhunderts: Die mit der Semiotik verwandte Figurenlehre scheint ein historisch gut abgesichertes Fundament der Analyse abzugeben, wobei unberücksichtigt bleibt, dass die Figurenlehre im historischen Sinn gar kein Werkzeug des Erkenntnisgewinns ist – mit der Methode »Figurenlehre« wird eine Fragestellung der historischen Hermeneutik zu beantworten versucht, was notwendigerweise zu Schieflagen führt;
  • Ansätze der aktuellen Emotions- und Wahrnehmungsforschung (auch aus der germanistischen Literaturwissenschaft) eröffnen neue Perspektiven auf das Entkleiden bedeutungstragender Grundeinheiten im Text der Musik, insbesondere aber im Performativen.

 

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Letzte Aktualisierung: 20.11.2011